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title: Wissenschaftlicher Schreibstil
project: Wissenschaftliches Arbeiten - Eine Einführung
topic: Themenbereich 4 - Schreiben einer wissenschaftlichen Arbeit
author: Institut für Wirtschaftsinformatik - Communications Engineering
contributors: Stefan Oppl, Martina Kremsmayr, Julia Buchmayr, Michaela Berndl
contact: stefan.oppl@jku.at
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- handout.pdf
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# Wissenschaftlicher Schreibstil
Viele Wissenschaftler sind der Meinung, dass wissenschaftliche Texte kompliziert und unverständlich zu schreiben sind. Die Kunst bei wissenschaftlichen Arbeiten ist jedoch, einen komplizierten Sachverhalt so einfach wie möglich erklären zu können. An diese Schreibweise muss man sich jedoch gewöhnen, denn in der Schule lernt man zwar wie man Erörterungen, Märchen und Erzählgeschichten schreibt und versucht dabei die Sätze möglichst lyrisch zu gestalten, aber nicht wie man einen wissenschaftlichen Text verfasst. Um den Einstieg in das wissenschaftliche Schreiben einfacher zu machen, sind folgende Regeln zu beachten. (1)
## Korrekte Sprache
Die Basis einer gelungenen wissenschaftlichen Arbeit sind fehlerfreie Rechtschreibung und korrekt angewandte Grammatik. Oft werden Formulierungen verwendet, die es gar nicht gibt. Ein Beispiel dafür ist der Hyperlativ (eine Steigerungsform von Adjektiven, die eigentlich nicht gesteigert werden dürfen) wie "einzigste" oder "maximalste". Zudem sollte unbedingt auf doppelte Verneinungen geachtet werden. Textverarbeitungsprogramme sind keineswegs in der Lage, alle Fehler aufzudecken und richtig zu stellen. Wichtig ist es, die Arbeit einige Tage ruhen zu lassen und diese dann erst auf Fehler zu prüfen. Kurz nach dem Verfassen der Texte werden Fehler häufiger überlesen. Auch kurze Pausen während des Lesens können die Konzentration steigern und die Augen wieder leistungsfähiger machen. Wer auf Nummer sicher gehen möchte, lässt die Arbeit zusätzlich noch von Außenstehenden Korrekturlesen. Zu beachten ist jedoch, dass bei wörtlichen Zitaten die Originalfassung wiederzugeben ist, auch wenn diese Rechtschreib- oder Grammatikfehler beinhaltet. (4)
## Nüchtern, distanziert und sachlich
Ein wissenschaftlicher Text soll nüchtern, distanziert und sachlich sein. Hier muss keine Spannung, wie bei einer Erzählung, aufgebaut werden und auch poetische Bezeichnungen sind zu vermeiden. Doppelte Verneinungen, Ausrufezeichen und Sprichwörter sind hier ebenfalls fehl am Platz. Wichtig ist auch, dass man die eigenen Wertungen wie bei einer Gedichtinterpretation oder einer Erörterung nicht einbindet. Bei einem wissenschaftlichen Text ist die eigene Meinung nicht relevant. (1)
## Keine Fremdwörter, aber Fachbegriffe
Ein bestimmtes Fachvokabular ist in jeder Wissenschaft geläufig und dient der Kommunikation unter Fachleuten. Daher kann diese Fachsprache auch verwendet werden um zu zeigen, dass man die Bedeutungen versteht und richtig verwenden kann. Dennoch gilt es, mit solchen Fachbegriffen etwas sparsam umzugehen und vor der Abgabe nochmals auf die korrekte Verwendung zu prüfen. Beim Schreiben sollte man daher immer im Hinterkopf behalten, wer der Leser ist. Der Text sollte nicht nur für den Betreuer als Fachwissenschaftler geschrieben werden, sondern auch für einen Laien und Nicht-Fachmann nachvollziehbar sein. Spezifische Fachbegriffe sollten folglich kurz erklärt werden. Fremdwörter hingegen sollten bei wissenschaftlichen Texten zur Gänze vermieden werden, da somit rasch der Eindruck erweckt wird, damit nur imponieren zu wollen. Weiters wird auch der Lesefluss durch zu viele Fremdwörter gestört. (2)
## Keine Füllwörter
Füllwörter sind aus der gesprochenen Sprache nicht wegzudenken. Sie helfen uns, den richtigen Ton zu treffen und unsere Aussagen zu bestärken. Der Schreibstil bei wissenschaftlichen Arbeiten muss möglichst präzise und eindeutig sein. Oft wird eine maximale Seitenzahl vorgegeben. Um darin all die notwendigen Informationen unterzubringen, muss man die Themen genau und unmissverständlich auf den Punkt bringen. Es bringt nichts, inhaltslos um eine Aussage herumzuschreiben oder sich zu verlieren, nur um eine Seite voll zu bekommen. Vielmehr sollte man vor der Abgabe der Abschlussarbeit solche Textstellen oder unnötige Füllwörter streichen, damit die zentralen Aussagen im Vordergrund stehen. Typische Füllwörter sind zum Beispiel: also, wohl, meistens, in der Regel, gewissermaßen, anscheinend, entsprechend, gewiss, schon oder nämlich. (2)
## Nominalstil vermeiden
Sätze im Nominalstil sind durch Nomen (Substantive) und Substantivierungen geprägt. Anstatt beispielsweise die Handlung einer Person zu beschreiben, werden Substantive eingesetzt wie "das Hervorrufen", "das Aufzeigen" oder "die Verursachung". Die Verwendung entsprechender Begriffe ist nicht per se falsch oder unschön - es kommt vielmehr auf die Häufung an. Werden Sätze oder gar ganze Texte im Nominalstil geschrieben, leidet die Lesbarkeit darunter. Zudem produzieren aneinandergereihte Nomen komplizierte Satzgebilde, die sehr fehleranfällig sind. Häufig kann man die Sätze einfach ändern, indem man Verben zur Hilfe nimmt und den Satz in mehrere Teile aufsplittet. Oft ist es sogar einfacher den Satz zur Gänze neu zu formulieren. (5)
Beispiel:
Die Klarstellung des Gesetzes betont seit dem 01. September 2009 die Möglichkeit zur Willensäußerung
für den Fall der Einwilligungsfähigkeit durch eine Patientenverfügung.
Lösungsvorschlag:
Seit dem 01. September 2009 ist das Gesetz anders formuliert. Nun wird betont, dass eine
Willensäußerung dann möglich ist, wenn der Patient dies in seiner Patientenverfügung festgelegt hat.
## Adjektive sparen
Adjektive sollten sparsam verwendet werden. Sie eignen sich unter anderem zur Steigerung und zur Wertung - beide Mittel sollten in wissenschaftlichen Texten vorsichtig eingesetzt werden.
Des weiteren sind viele Adjektive grundsätzlich nicht notwendig. Eine Überraschung muss nicht groß sein, um zu überraschen und ein Untergang ist in der Regel endgültig, man muss es nicht zusätzlich betonen. (1)
## Das Pronomen "man" vermeiden
Viele Studierende tendieren häufig zur Verwendung des Pronomens "man". Doch oft wird dieses Wort von Professoren nicht gerne gesehen, den "man" ist eine sehr ungenaue und somit unwissenschaftliche Formulierung. Weiters sind Sätze mit der indirekten Leseransprache "man" stilistisch wenig elegant formuliert und lassen einen Text umgangssprachlich wirken. Dabei lässt sich das unschöne "man" häufig ganz einfach ersetzen. Eine Möglichkeit ist die Umschreibung mit dem Passiv. (3)
Beispiel:
Aktivsatz: Man darf hier nicht rauchen.
Passivierung: Hier darf nicht geraucht werden.
## Verständlicher Satzbau
Nicht nur Wörter sollen verständlich sein, sondern auch ganze Sätze. Für den Leser müssen die Sätze logisch und verständlich sein, um den Inhalt aufnehmen zu können. Verschachtelte Konstruktionen, die über mehrere Zeilen gehen, erschweren die Lesbarkeit und sollten in kurze, einfachere Sätze umformuliert werden. Oft sind unverständliche Sätze die Frucht unstrukturierter und unklarer Gedankengänge, deshalb sollte man sich im Vorhinein darüber Gedanken machen, welche Informationen im nächsten Satz verpackt sein sollen. (2)
Beispiel:
Der Autor, der sein Werk 1956 erstmalig veröffentlichte, stieß mit seinen Aussagen,
die gemeinhin als provokant bezeichnet wurden, einen öffentlichen Disput,
an dem sich zahlreiche führende Wissenschaftler beteiligten, an.
Lösungsvorschlag:
1956 veröffentlichte der Autor sein Werk erstmalig. Aufgrund seiner provokanten Aussagen
stieß er einen öffentlichen Disput an. Zahlreiche führende Wissenschaftler beteiligten sich daran.
## Objektive Erzählperspektive
In wissenschaftlichen Texten ist die Ich-Perspektive, so wie sie in Romanen oft verwendet wird, nur in Ausnahmefällen akzeptabel. In der Wissenschaft geht es hauptsächlich um Fakten. Gefühle, politische Einstellungen, religiöse Ansichten etc. sollen aus wissenschaftlichen Arbeiten ausgeklammert werden. Lediglich wenn der Autor des Textes eine Passage besonders betonen möchte, sowie etwa bei der Einleitung, ist es unter Umständen erlaubt, über die Vorgehensweise und die Motive für die Arbeit im Ich-Stil zu schreiben. Jedoch gibt es einfache Mittel, um auf diesen Stil zu verzichten. Beispielsweise kann man "Im zweiten Kapitel gehe ich auf Thema X ein" durch "Im zweiten Kapitel wird das Thema X erläutert" ersetzen. Im Schlussteil ist von Formulierungen, wie zum Beispiel "Meiner Meinung nach" und "Wir können erkennen" abzuraten, da diese Ausdrücke Unsicherheit ausdrücken. Stattdessen eignen sich Phrasen wie "Daraus lässt sich ableiten" (6)
## Schreibstil anpassen
Es müssen nicht zwingend alle Regeln eingehalten werden. Jeder muss seinen eigenen Schreibstil entwickeln mit dem er/sie sich wohl fühlt. Wichtig ist auch, dass Ihr euch immer in den Leser reinversetzt. Manche Professoren/Professorinnen favorisieren bestimmte Schreibstile, an die sich dann orientiert werden sollte.
## Weiters sollte vermieden werden
* Wörter, die das Argument abschwächen (z. B. im Prinzip, gewissermaßen, sicherlich)
* Verallgemeinerungen und Übertreibungen (z. B. immens, enorm, heftig)
* Wortmonster (z. B. "Arzneimittelausgabenbegrenzungsgesetz")
* Vielfaches Aneinanderreihen direkter Zitate (besser: indirektes Zitieren)
* Zu viele Abkürzungen
![wissenschaftlicher Schreibstil](zusammenfassung_grafik.JPG)
## Lernspiele
![ ](qrcode_gitterrätsel.png) * Wortgitter https://learningapps.org/watch?v=pmadh9gi518
![ ](qrcode_grundregelbruch.png) * Zuordnung https://learningapps.org/watch?v=p9hsw1hrc18
![ ](qrcode_fehlertext.png) * Fehlertext https://learningapps.org/watch?v=pvw4wnjq318
![ ](qrcode_wiederholungsfrage.png) * Wiederholungsfragen https://learningapps.org/watch?v=pm2youxgk18
## Anhang Zeitformen
Prinzipiell ist jedem bewusst, wann welche Zeitform zu verwenden ist. Dennoch tauchen bei der Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten immer wieder Unsicherheiten in Bezug auf die Verwendung des richtigen Tempus auf. Deshalb gibt es hier eine kurze Zusammenfassung.
Für wissenschaftliche Arbeiten ist Präsens die gängige Zeitform. Das liegt daran, dass diese Texte den aktuellen Forschungsstand zum jeweiligen Zeitpunkt der Arbeit darstellen. Dabei spielt es keine Rolle, dass die Forschung vor dem Schreibprozess schon abgeschlossen ist. Unter gewissen Umständen sind auch andere Zeitformen erlaubt. Das Präteritum stellt Vergangenes ohne Bezug zur Gegenwart dar und ist vor allem in der Schriftsprache eine oft verwendete Zeitform. Das Perfekt beschreibt ein vollendetes Geschehen in der Vergangenheit mit unmittelbarem Bezug zur Gegenwart. Wenn die wissenschaftliche Arbeit beispielsweise auf Ergebnisse einer früheren Studie basiert, kann diese im Perfekt geschrieben werden.
Wichtig ist es, bei der Anwendung der Zeitformen konsequent zu sein, und nicht grundlos von einem Tempus ins andere zu wechseln. Alles, was direkt mit der Forschung zu tun hat, sollte konsequent im Präsens verfasst sein. (7)
## Fragen, die man vor der Abgabe noch überprüfen sollte
* Was will ich dem Leser sagen? Was ist meine Botschaft?
* Verstehe ich mich selbst, nachdem ich meinen Gedanken aufgeschrieben habe?
* Passt meine Formulierung zu meinen Gedanken?
* Kann mich der gedachte Adressat ohne Schwierigkeiten verstehen?
* Sind meine Argumente klar, einleuchtend und nachvollziehbar?
* Ist der Text sachlich und distanziert?
* Gibt es eine im Einzelfall noch präzisere, treffendere und griffigere Formulierungsalternative als die gewählte?
* Kann ich den Text noch kürzen, ohne den Sinn zu entstellen?
* Kann ich einzelne Wörter (zum Beispiel Adjektive) und Sätze bzw. Halbsätze streichen?
* Habe ich Fremdwörter und Fachbegriffe sparsam und durchgängig gleichförmig verwendet?
* Enthält der Text noch Nominalisierungen, Wortmonster, Übertreibungen, Überflüssige Steigerungen, Allgemeinplätze etc., die getilgt werden müssen?
* Habe ich anschaulich genug geschrieben und Beispiele im Text verwendet?
(1)
## Literatur
(1) "Die Kunst des Einfachen: Zehn Vorschläge für einen guten wissenschaftlichen Schreibstil", Dr. Nicolaus Jacob M.A., 2010, https://www.studium.ifp.uni-mainz.de/files/2013/11/wissenschaftliches_schreiben.pdf
(2) "Wissenschaftlicher Schreibstil", MARINA FEIDEL.
WWW: https://www.mentorium.de/wissenschaftlicher-schreibstil/.
(3) "TABUWÖRTER IN WISSENSCHAFTLICHEN ARBEITEN.", Topcorrect, 2017
WWW: https://www.topcorrect.de/blog/tabuwoerter-in-wissenschaftlichen-arbeiten/ (2018-12-22).
(4) "Wissenschaftliches Schreiben - Allgemeines." [werner stangl]s arbeitsblätter. Stangl, W. (2018)
WWW: http://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/LITERATUR/WissenschaftlichesSchreiben.shtml (2018-12-20).
(5) "Schreibportal. Nominalstil." Universität Leipzig.
WWW: https://home.uni-leipzig.de/schreibportal/nominalstil/ (2018-12-22).
(6) "Wissenschaftliche Bewertungskriterien Teil 1." Florian
WWW: https://lektoren.blog/kriterien-wissenschaftlichkeit-1/#toc-2 (2018-12-20).
(7) "Welche Zeitform ist für wissenschaftliche Arbeiten die richtige?"
WWW: https://www.korrektur-plus-lektorat.de/welche-zeitform-ist-fuer-wissenschaftliche-arbeiten-die-richtige/ (2018-12-28).
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